„Achtung Überidentifizierung!“ – Wenn Eltern zu sehr leiden. Möglichkeiten, den „Stress mit dem Stress“ zu reduzieren.

Mein Sohn leidet. Er mag nicht in die Schule gehen, ist sehr aufgeregt, weil er Schularbeit hat. Er ist zappelig und unruhig – schwups, schwappt das wie eine riesige Welle auf mich über. Ich fühle mich elend, er tut mir leid. Wie gern möchte ich ihn beschützen, ihm Ruhe und Kraft geben. Doch dazu bin ich selbst zu zappelig und nervös. Ich fühle mich hilflos.

Kennen Sie Situationen wie diese?

Wenn Sie als hochsensibler Elternteil mit einer Situation im Alltag konfrontiert werden, die Sie als EmpathIn aus ganzem Herzen nachfühlen können, wünschen Sie sich sicher oft, sofort etwas tun zu können, um das Leid zu lindern und die Situation erträglicher zu machen.

Bei meinen KlientInnen und auch manchmal noch bei mir selbst bemerke ich oft eine riesige Hilflosigkeit, dem eigenen Kind eine unangenehme Situation nicht abnehmen zu können oder es annähernd gut zu unterstützen. Vor allem weil wir wissen, wie empfindsam unser Kind ist, wie viel es fühlt und wie schwer es ihm fällt, alle Wahrnehmungen gut zu verarbeiten und Anforderungen (zB in Schule und Kindergarten) „auszuhalten“.

Ja, es ist ein „Aushalten“, weil hochsensible Kinder oft überfordert sind mit dem Tempo und den Herausforderungen des Alltags. Sie fragen meist schon in jungen Jahren nach dem „Warum?“. Uns als Eltern tut das Herz weh, weil wir oft selbst noch sehr mit diesem „Warum?“ hadern.

Ich habe viele Gespräche mit unterschiedlichen Menschen darüber geführt, wie schwer es ist, das eigene Kind loszulassen und sich liebevoll abzugrenzen. Jene Herangehensweisen, die mir im Alltag mit meinem hochsensiblen Sohn am meisten helfen, möchte ich hier teilen:

  • Wenn ich merke, dass mir eine Situation sehr zu Herzen geht, die Gefühle überschwappen und ich Stress erlebe, versuche ich bewusst, einen Schritt raus aus dem Geschehen zu machen. Das heißt, ich atme durch, gehe auch tatsächlich mehrere Schritte auf Abstand und denke: „Ok mein Sohn, das ist DEIN Weg, du gehst ihn! Ich kann dir deinen Stress/deine Unruhe nicht abnehmen. Ich kann dich nur auf deinem Weg begleiten.“ Durch dieses bewusste Abstand nehmen entspanne ich mich und merke auch immer, wie es meinem Sohn dann besser geht.
  • Wenn ich merke, dass ich  mich überidentifiziert, versuche ich mir bewusst zu machen WARUM. Oft liegt es daran, dass ICH mit Situationen ein Problem habe oder mich im Widerstand befinde. Das Schulsystem ist ein gutes Beispiel dafür. Nur weil ICH damit nicht zurecht komme, heißt das noch lange nicht, dass mein Sohn genauso darunter leidet.
  • Für wesentliche Entspannung in stressigen Situationen hat sich herausgestellt, dass es notwendig ist, mich immer wieder dazu anzuhalten, ruhig zu bleiben. Wenn mein Sohn merkt, wie sehr eine Situation mich stresst oder wie sehr ich mit einem Thema hadere, schwappt das natürlich auch sofort auf ihn über und das (Gefühls)Chaos ist perfekt. Wenn ich es schaffe, ruhig und stark zu bleiben und ein paar Schritte zurückzugehen anstatt meinen Sohn mein „Mitleid“ spüren zu lassen, gelingt eine beiderseitige Entspannung am besten. Das setzt natürlich voraus, dass ich es auch tatsächlich schaffe, auf Abstand zu gehen. Wenn ich meinem hochsensiblen Sohn etwas „vorspiele“, merkt er das natürlich sofort :-).
  • Ich tue etwas für MICH. Das heißt, wenn ich merke, dass mich so eine Situation emotional sehr belastet, versuche ich bewusst, mir etwas Gutes zu tun. Ich gehe dann zum Beispiel gerne laufen oder zumindest spazieren. Das hilft mir Abstand zu halten und wieder im Körper anzukommen 🙂

(Vielleicht interessiert Sie dazu auch folgendes Video verpackt in einen früheren Blogbeitrag: „Mitfühlen nicht Mitleiden – Der große Unterschied“)