“Wie fühlst du dich?” – Warum es Sinn macht, gerade mit hochsensiblen Kindern darüber zu reden

„Gewissheit ist die Grundlage nach der die menschlichen Gefühle verlangen“
(Honore de Balzac)

Dieses Zitat verdeutlicht sehr gut, wie wir unsere hochsensiblen Kinder unterstützen können, gefestigte Persönlichkeiten zu werden, die ihr Potential leben können.

Für viele Familien ist es immer noch eine große Herausforderung offen über auftretende Gefühle zu sprechen. Das liegt unter anderem sicher daran, dass viele Eltern selbst als Kinder nicht gelernt haben, ihre eigenen Gefühle bewusst wahrzunehmen und zu akzeptieren. Sehr lange Zeit wurden Gefühle, vor allem die negativen, als Hindernis dafür angesehen, im Alltag zu funktionieren. „Stell dich nicht so an“ „Heulsuse“ oder „Augen zu und durch“ sind nur einige wenige Aussagen, die viele von uns in ihrer Kindheit gehört haben. Weinerlich und ängstlich oder/und wütend und aggressiv aber auch freudig hüpfend und/oder glücklich strahlend – Gefühle anzusprechen, zu leben und zu akzeptieren passte meistens nicht ins anerzogene Weltbild unserer Eltern. Deshalb ist es für viele von uns immer noch sehr schwer, diese Hürde bei den eigenen Kindern zu überwinden.

Viele Psychotherapeuten aber auch spirituelle Sichtweisen gehen davon aus, dass es essentiell ist, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und anzunehmen, um sie dann einordnen und bewusst damit umgehen zu können. Es gibt die unterschiedlichsten Ansätze darüber, warum welche Gefühle in uns arbeiten – ob man sich nun in der systemischen Familientherapie oder auf anderen Wegen damit auseinandersetzen möchte – für unseren Alltag und den Alltag unserer Kinder ist es absolut wesentlich, zu dieser bewussten Offenheit und Akzeptanz unseres Gefühlslebens zu gelangen. Das Bewusstsein unserer eigenen Gefühle und die Offenheit darüber zu reden, bringt uns einen Riesenschritt weiter, unsere Kinder darin zu unterstützen, die in ihnen arbeitenden Gefühle wahrzunehmen, anzusprechen und zu akzeptieren.

Hochsensible Kinder spüren und fühlen den ganzen Tag. So viele Wahrnehmungen, die unterschiedlichste Gefühle auslösen, so viele Eindrücke, die gefühlt und verarbeitet werden müssen, wirken kontinuierlich auf die Persönlichkeit ein und haben einen wesentlichen Einfluss auf das Verhalten in den jeweiligen Situationen – ein regelrechter „Gefühlssupergau“.

Oftmals tritt dann der rationale Verstand, der bei vielen hochsensiblen Menschen stark ausgeprägt ist, in den Vordergrund. Sich keine Blöße zu geben, nicht emotional zu reagieren und zu vermitteln, dass man die Situation „im Griff“ hat, sind häufige Tendenzen.

Auf Dauer kann das jedoch zu sehr ungesunden Symptomen führen. Vor allem dann, wenn man niemanden hat, mit dem man seine tatsächlichen Befindlichkeiten teilen kann.

Wie können Sie als Eltern unterstützen?

Wenn Eltern es geschafft haben, ihre eigene Gefühlswelt zu reflektieren und die meiste Zeit damit im Reinen zu sein, dann ist wohl die beste Unterstützung für ihre hochsensiblen Kinder:

Reden! Reden! Reden! So kurz, so gut.

So wie Berührung des Körpers heilsam ist, so ist es auch möglich, die Seele des Kindes zu erreichen, indem Gefühle erkannt, angesprochen und ernst genommen werden. Das gibt Sicherheit und die Gewissheit „richtig“ zu sein.

Konkret heißt das:

  • Nehmen Sie sich die Zeit und die Ruhe, ihr eigenes Gefühlsleben genauer unter die Lupe zu nehmen. Ist Ihnen bewusst, was sie fühlen? Können Sie darüber reden? Vielleicht erkennen Sie das eine oder andere Muster aus Ihrer Kindheit oder dem eigenen Familiensystem. Sobald wir uns die Mechanismen, die in uns arbeiten bewusst machen, können wir einen entscheidenden Beitrag für Veränderung leisten – bei uns und bei unseren Kindern.

  • Nehmen Sie sich die Zeit gemeinsam mit Ihrem Kind Situationen des Tages zu besprechen bzw. revue passieren zu lassen. Viele Kinder können (noch) nicht von sich aus darüber sprechen, was sie bewegt. Die Art und Weise, wie sie das tun, ist natürlich auch altersabhängig. Ein Ritual, beispielsweise vor dem Schlafengehen, wo der zuvor angesprochene Körperkontakt die Kommunikation über die Gefühlswelt verbindet, ist sehr wertvoll. Ihr Kind spürt Sicherheit und Interesse und Akzeptanz für seine Lebenswelt.

  • Erzählen Sie Ihrem Kind, wie Sie sich fühlen. Lassen Sie es im Lauf des Tages wissen, was und warum in Ihnen vorgeht, natürlich kindgemäß und ohne allzu große Schwere. Es ist in Ordnung, wenn Kinder mitbekommen, dass auch die Mama manchmal traurig, ängstlich oder angespannt ist. Hochsensible Kinder spüren über ihre Antennen jede Stimmung. Auch hier wieder gibt es enorme Sicherheit, das, was von Ihrem Kind ohnehin wahrgenommen wird, zu verbalisieren. Ihr Kind lernt, seine eigenen Wahrnehmung ernst zu nehmen und mit normalen Alltagsstituationen ohne Angst umgehen zu können. Wird über negative Gefühle nicht gesprochen, wird versucht, sie zu verbergen bzw. zu überspielen, können große Ängste, Traurigkeit und Schwere bei den Kindern hervorgerufen werden. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie sehr es mich als Kind oftmals belastet hat, meine Mama angestrengt und belastet zu erleben. Das hat mich sehr verunsichert.

    Ebenso wichtig ist es, ihrer Freude Ausdruck zu verleihen und alle positiven Gefühle anzusprechen. Es ist ein großes Geschenk für Ihre Kinder, wenn sie – auch verbal – vermittelt bekommen, dass Sie dem Leben sehr viele schöne und fröhliche Aspekte zugestehen. Das gibt Halt und stärkt das Vertrauen ins Leben.

  • Empathische hochsensible Kinder können sich in Lebenswelten unterschiedlichster bekannter und unbekannter Personen einfühlen. Sie nehmen Mechanismen und Hintergründe wahr, die anderen oft verborgen bleiben. Machen Sie sich bewusst, dass im Laufe eines (Schul)tages sehr viele dieser Informationen von Ihrem Kind aufgesaugt werden. Die Verarbeitung solcher Wahrnehmungen kann sich durch unterschiedlichste Gefühle äußern. Traurigkeit, Aggression, Müdigkeit und/oder Unruhe treten auf ohne konkreten Anlass. Es erfordert von Ihnen als Eltern viel Feingefühl wahrzunehmen woher die Stimmung kommt. Wenn Sie solche scheinbar „aus dem Nichts“ und ohne erkennbaren Grund auftretenden Gefühle bemerken, reden Sie mit Ihrem Kind über die Erlebnisse des Tages. In vielen Fällen können Sie heraushören, was Ihr Kind beschäftigt und darauf reagieren. Dem Gefühlsleben Ihres Kindes hilft es oft, einfach nur „verstanden“ zu werden. Hier können Ihre Worte einen wertvollen Beitrag leisten.

    Mein 12 jähriger Sohn meinte – für mich sehr überraschend –  gestern: “Es ist so cool, dass du mich verstehst, Mama!”. Schön, wenn wir neben zahlreichen Emoticons am Computer und im Handy auch noch Worte kennen 🙂

 

 

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