Was mir hilft, meinen hochsensiblen Sohn im Schulalltag besser unterstützen zu können

Elterngespräch. Ich sitze einer Lehrerin meines Sohnes gegenüber. Noch bevor sie etwas sagt, fühle ich mich unverstanden. Außerdem fühle ich das Unverständnis meinem Sohn gegenüber. Ja, er ist anders. Ja, er findet sich mit diesem System nicht gut zurecht – nicht so wie sie, die Lehrerin, es sich wünscht. Ich fühle Wut, Zorn und großen Widerstand.

Genauso ging es mir sehr oft. Dieser unendliche Widerstand gegen ein nicht förderliches System. Gegen Unverständnis, gleich-machen und gleich-haben wollen habe ich permanent angekämpft.

Meinem Sohn und mir hat dieser Widerstand nur eines gebracht: Schwierigkeiten mit dem Alltag, so wie er ist, umzugehen. Ich habe so viel mit der Situation gehadert, dass es unumgänglich war – vor allem um meinen Sohn wirklich unterstützen zu können – Wege und Möglichkeiten zu finden, damit umzugehen.

Als ehemalige Lehrerin kenne ich Grenzen und Möglichkeiten auf schulischer Seite und als Mama ist es mir ein unendliches Bedürfnis, meinem Sohn einen stressfreien, verständnisvollen und gut erträglichen Schulalltag zu ermöglichen.

Ich bin immer noch permanent am Üben und Ausprobieren, aber folgende Herangehensweisen haben mir sehr geholfen, mir und meinem Sohn den Alltag zu erleichtern:

  • Ich lerne loszulassen. Meinen Sohn und seinen Schulalltag. Lange hatte ich das große Bedürfnis, ihn zu schützen vor der bösen, großen Welt da draußen, vor einem System, hinter dem ICH nicht stehen kann. Ich habe verstanden, dass er SEINEN Weg geht, auf dem ich ihn nur begleiten darf.
  • Ich lasse meinen Sohn (natürlich nur manchmal) auf gut Wienerisch “anrennen”. Das heißt, auch wenn ich weiß, dass er zum Beispiel seine Schulsachen noch kreuz und quer herumliegen hat und das am nächsten Tag in der Früh zu großem Stress beiträgt, diese noch ordentlich einzupacken, erinnere ich ihn nicht mehrmals daran. Wenn die Stresssituation dann vorbei ist, gelingt es mir immer öfter, ihn ruhig zur Seite zu nehmen und Verständnis dafür zu bekommen, wie wichtig es für ihn ist, sich vorher darum zu kümmern, um Stress zu vermeiden.
  • Ich bemühe mich sehr, keine negativen Kommentare zum Schulalltag oder zum Schulsystem überhaupt abzugeben. Das fällt mir oft sehr schwer, weil ich sehr viel Problematisches dabei wahrnehme. Aber ich habe stark gemerkt, wie sehr mein Sohn sich von meiner Negativität anstecken und leiten lässt. Und das hilft ihm in seinem Alltag in keinster Art und Weise weiter.
  • Ich lasse zu, dass er anders ist. Anders als ich. Auch wenn ich mich noch so sehr in ihm sehe, ist es mir bewusst, dass ich manchmal zu Überidentifikation neige.
  • Ich versuche, nicht allzu sehr in den Alltag meines Sohnes einzugreifen, auch wenn ich diesen als sehr stressig empfinde. Wenn mein Sohn sich beispielsweise in den Kopf setzt, 3mal pro Woche Fußball spielen zu gehen und sich zusätzlich für das Fußballmatch des Vereins am Wochenende anmelden möchte, lasse ich es zu, ohne zu sehr darunter zu “leiden”, weil dieser Zeitplan MIR zu viel wäre (Überidentifikation:-). Ich merke, dass mein Sohn selbst nach und nach ein Gefühl dafür bekommt, was gut für ihn ist. Je älter unsere (hochsensiblen) Kinder werden, desto mehr dürfen wir ihnen die Entscheidungen überlassen – auch wenn wir es anders tun würden.
  • Ich versuche in ruhigen, entspannten Situationen Themen aufzugreifen, die meinem Sohn bei der Strukturierung und Stressreduktion seines Alltags helfen können. Das kann beim Abendessen sein oder auch einmal zwischendurch. Besonders gut gelingt mir der Zugang, wenn ich meinen Sohn dabei berühre, streichle oder massiere. Ich mache die Erfahrung, dass sehr viel von diesen Gesprächen “hängen bleibt” und den Alltag erleichtert.
  • Und zu guter Letzt ein Thema, über das viel diskutiert wird: Wann und wie spreche ich die Hochsensibilität meines Kindes bei LehrerInnen an und macht das überhaupt Sinn? Die wichtigste Frage, die ich mir dabei stelle ist: Was will ich erreichen? Meine Antwort war oft: Ich möchte Verständnis. Verständnis und Berücksichtigung der Bedürfnisse meines Sohnes. Ein schwieriges Unterfangen, wo doch das Wissen über hochsensible Eigenschaften im Schulsystem noch am Anfang steht. LehrerInnen, die “verstehen”, tun dies auch ohne Erklärung, einfach weil sie Bedürfnisse erkennen und bestmöglich reagieren. Und bei jenen LehrerInnen, die nicht verstehen können, worum es bei Hochsensibilität geht, ist es sicher wertvoll, Hinweise auf homepages und Bücher zu geben – ohne den Anspruch, Verständnis zu bekommen. Verständnis für etwas, das man nicht kennt, nicht spürt und sich vorstellen kann, ist sehr schwierig. Ab nächstem Jahr darf ich in der LehrerInnenfortbildung in Wien einen Beitrag dazu leisten 🙂

Ich habe gelernt, ruhig zu bleiben, durchzuatmen, da wo es geht sanft einzugreifen und darauf zu vertrauen, dass mein Sohn SEINEN Weg geht – und manchmal gelingt es mir schon ganz gut…

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