„Mama, was passiert eigentlich, wenn ich sterbe?“ – oder: Wie ich es schaffe, mit meinem hochsensiblen Kind über den Tod zu reden.

Angst.
Das ist jenes Wort, das ich mit dem Tod schon seit frühester Kindheit verbunden habe.
Gleich danach kam das verstehen Wollen. Verstehen, warum wir sterben müssen, verstehen, warum wir Menschen da sind und wieder gehen müssen, verstehen warum loslassen und Abschied nehmen zum Leben gehören.
Und die Frage nach dem Sinn. Die quälte mich am meisten.
Mein Verstand war schon immer unglaublich stark, unglaublich anspruchsvoll und unglaublich schwer zum Stillstand zu bringen.
Mein Kopf wollte immer schon verstehen – mein Herz spürte so viel Angst und Schwere im Zusammenhang mit der Endlichkeit – und ich hatte niemanden, der mir ausreichend Antworten zu geben imstande war.

So vermied ich es auf Friedhöfe zu gehen. Ich drehte meinen Kopf auf die andere Seite, wenn wir mit dem Auto an einem vorbeifuhren.

In der Privatschule, in die ich ging, hatten wir römisch katholischen Religionsunterricht und nahmen regelmäßig an Messfeiern teil. Ich war irgendwie immer schon fasziniert vom Weihrauch, von der Atmosphäre, die so gänzlich jenseits des Alltags war. Aber auch hier kam sie immer wieder hoch:
Angst!
Wir wurden unterrichtet, dass wir ein gottesfürchtiges Leben zu leben haben, ansonsten würden uns unsere Sünden und Straftaten irgendwann heimsuchen.
Angst.
Gott war immer schon männlich, strafend und beängstigend für mich. Und er war derjenige vor dem ich mich eines Tages zu verantworten hatte für mein Leben und der, der dann darüber urteilen durfte, was nun mit mir geschieht.
Angst.

Ja, ich war ein immer angepasstes Kind., habe versucht die Dinge mit mir auszumachen.
Es war mit unmöglich einen Sinn in dieser hierarchischen Angststruktur zu sehen.

Und so quälten mich meine Fragen noch viele Jahre lang:

Warum gibt es einen Gott, der so viel Leid auf der Welt zulässt?
Warum leben wir und sterben dann?
Was passiert nach dem Tod mit uns?
Was war davor?
Wie entstand das Universum?

Ich setzte mich regelmäßig auf unsere Toilette (ohne Fenster), drehte das Licht ab und stellte mir vor, im Weltall zu schweben. Ich liebte dieses Gefühl!

Ich wurde älter. Meine Fragen wurden mehr. Ich beobachtete andere Menschen und wie sie mit den Themen Tod, Sterben und Gott umgingen. Die meisten verdrängten es und hatten ihre eigenen Konstrukte rund herum kreiert.
Von „es gibt keinen Gott – wir leben, wir sterben und damit basta“ bis hin zu „wenn du nach dem Leben auferstehen möchtest, musst du brav in die Kirche gehen, nicht zu viel nachfragen und ein gottesfürchtiges Leben führen“.
Zwischen diesen Extremen konnte ich nichts finden.

Ich wurde noch älter. Ich lebte einen ausgefüllten Alltag, in dem ich sehr mit mir und den Menschen um mich herum beschäftigt war.
Psychische und körperliche Herausforderungen führten mich jedoch immer wieder zu meinen Fragen zurück. Und die quälende Suche nach den Antworten begann aufs Neue.

Ab einem gewissen Zeitpunkt meines Lebens gab es kein Entkommen mehr und ich musste mich diesen Fragen stellen. Musste auf die zielgerichtete Suche nach den Antworten gehen. Ich konnte nicht mehr anders – meine Seele und mein Körper drängten mich dazu.
Ich habe viel gelernt. Sowohl mit meinem Verstand als auch mit meinem Herzen.
Heute ist meine Spiritualität selbstverständlich für mich und ich habe Antworten auf alle Fragen, die mich unendlich lange so gequält haben. Es war ein langer und beschwerlicher Weg für mich.

Bei meinen Kindern, vor allem bei meinem hochsensiblen Sohn, achte ich darauf, Antworten zu geben.
Antworten zu geben, die ihm dabei helfen, seine eigenen Antworten zu einem sehr frühen Zeitpunkt zu finden.

Jeder von uns ist anders. Jeder braucht andere Antworten. Jeder Mensch, ob hochsensibel oder nicht, hat seine eigene Geschichte und damit verbundene Fragen.

Als Eltern sind wir sehr gefordert, unseren Kindern Halt und Stabilität zu geben – sie aufzufangen in ihrer Unsicherheit und sie anzuleiten, sich auf die Suche nach ihren eigenen Antworten zu machen.

Aufgrund meiner eigenen Suche und der Erfahrung mit hochsensiblen Kindern und deren tiefgründiger Fragenwelt, möchte ich Dir hier nun einige Gedanken mitgeben, die Dich im Umgang mit den Fragen Deines hochsensiblen Kindes unterstützen:

  • Versuche so selbstverständlich wie möglich mit Deinem Kind über derartige Themen zu sprechen. Sie sind Teil des (hochsensiblen) Lebens und es ist sehr wertvoll für uns alle, sie als solche zu sehen! Es nimmt Deinem Kind viel Angst und Unsicherheit, wenn es merkt, dass es mit diesen Fragen zu Dir kommen kann und sich angenommen fühlt.
  • Beantworte JEDE Frage Deines Kindes. Auch, und vor allem, wenn Du keine Antwort hast. Philosophiere gemeinsam mit Deinem Kind, interessiere Dich für seine Herangehensweise.
    Unsere hochsensiblen Kinder sind sehr spirituell und haben oft überraschende Gedanken und Informationen aus ihrer inneren Welt parat.
  • Wenn Du selbst hochsensibel bist, dann ist es wahrscheinlich auch für Dich selbstverständlich, Dich mit derartigen Fragen auseinanderzusetzen. Wenn nicht, dann bitte ich Dich, die Fragen Deines Kindes sehr wichtig zu nehmen und Dich gegebenenfalls individuell bei der Begleitung Deines Kindes in dieser Hinsicht unterstützen zu lassen.

  • Ich möchte Dich ermutigen, Dich mit Deinem hochsensiblen Kind auf die Reise nach dem Ursprung zu machen. Wir haben in unserer verstandesorientierten Welt so vieles, was früher selbstverständlich war, verdrängt und wollen uns nicht mehr damit beschäftigen.
    Der Tod ist ein eher lästiger Nebenaspekt des Lebens geworden. Hospize, Sterbebegleitung und Begräbnisse kann man nicht wirklich gut vermarkten ;-).

  • Ermutige Dein Kind, diese Fragen zu stellen. Jedem. Unsere hochsensiblen Kinder bringen längst verloren gegangene Aspekte des Lebens wieder an die Oberfläche.  Sie  fordern ein, das Leben in allen Facetten zu begreifen. Sei Deinem Kind dabei behilflich, wieder einen natürlicheren Zugang zu diesen essentiellen Fragen zu bekommen.

    …vom Anfang bis zum Ende (…das es meiner Meinung nach nicht gibt ☺ …).

„Sterben ist nur ein Umziehen in ein schöneres Haus.“
(Elisabeth Kübler-Ross, Ärztin und Sterbeforscherin)

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