Was Ihnen helfen kann, Ihr hochsensibles Kind besser zu verstehen

„Individualität ist das, was mich von der Welt absondert. Liebe ist das, was mich mit ihr verbindet. Je stärker die Individualität, desto stärker erfordert sie Liebe.“ (Walther Rathenau)

Individualität wird in unserer Gesellschaft in keinster Weise ausreichend wertgeschätzt. Viele von uns sind sich ihres eigenen Wertes nicht bewusst, weil ihnen nie Wert-Schätzung entgegengebracht wurde. Je mehr man sich von einer Norm unterscheidet, desto schwieriger ist es, selbst ausreichend gefestigt zu sein, um dem Strom liebevoll standzuhalten.

Hochsensiblen Kindern kann man kaum ein größeres Geschenk machen, als ihr anders-Sein von Anfang an Wert zu schätzen und liebevoll zu begleiten. Das gelingt wohl am besten, wenn man Einblick hat, was in ihrem wachen Geist und Körper vorgehen kann. Auch hier natürlich sind die Ausprägungen höchst individuell und noch lange nicht ausreichend definiert (sofern man überhaupt jemals als Außenstehender definieren kann, was die Komplexität eines anderen Menschen ausmacht 🙂

Zu den in verschiedensten Tests angeführten Kriterien hochsensible Kinder betreffend, ist es mir ein Anliegen, folgende besonders hervorzuheben und Möglichkeiten der Unterstützung zu ergänzen:

  • Schon früh ist bei hochsensiblen Kindern Tiefgründigkeit in der Erforschung sogenannter Menschheitsfragen zu erkennen:„Warum lebe ich?“ „Wie funktioniert das Universum und was war davor?“ „Warum gibt es so viel Leid auf dieser Welt?“ Die Themen Tod und Sterben und auch gesellschaftliche und hierarchische Strukturen werden schon früh hinterfragt.
    Gehen Sie auf die Fragen und Gedanken Ihres Kindes ein – auch wenn Sie keine Antworten parat haben. Natürlich ist es schön, wenn Sie Ihre Sicht aufs Leben und die Welt kindgemäß (mit)teilen können – das schenkt Vertrauen. Machen Sie Ihr Kind auf jeden Fall darauf aufmerksam, dass diese Fragen richtig und wichtig sind und es die Antworten dazu Schritt für Schritt und im Lauf der Zeit bekommen wird. Das führt zum nächsten Punkt:
  • Viele hochsensible Kinder verfügen über eine präzise sprachliche  Ausdrucksweise. Selbst die Mehrheit der introvertierten hochsensiblen Kinder zeigt sich erstaunlich kommunikativ, wenn ihnen ehrliches Interesse an der Wahrnehmung ihrer Welt entgegengebracht wird.
  • Bei hochsensiblen Kindern ist die stark spürbare Verbundenheit mit der sie umgebenden Umwelt besonders ausgeprägt. Sie erleben sich als Teil des großen Ganzen. So können bereits als Kind intensive Gefühle von „Weltschmerz“ auftreten, da die feinen Sensoren hochsensibler Kinder nicht nur ihre unmittelbare Umgebung, sondern auch kollektiv vorherrschende Energien (Angst, Unsicherheit…) wahrnehmen.
    Sie werden wahrscheinlich nicht immer gleich nachvollziehen können, was auf die Gefühlslage Ihres hochsensiblen Kindes gerade Einfluss nimmt. Ein Kind, das morgens beispielsweise noch sehr gut gelaunt war, sitzt nachmittags, nachdem es einen Freund besucht hat, weinend im Zimmer, weil es mitbekommen hat, dass der unbekannte Onkel seines Freundes gestorben ist.
    Respektieren Sie so gut es geht die Gefühle Ihres Kindes – auch wenn Sie sie nicht nachvollziehen können und vermeiden Sie den Satz: „Es gibt keinen Grund, dich so zu fühlen!“
  • Hochsensible Kinder besitzen oftmals große Wahrnehmungsbegabung und ausgezeichnete Beobachtungsgabe jenseits des herkömmlichen Alltagsverständnisses. So können Befindlichkeiten anderer Personen im eigenen Körper wahrgenommen werden oder Gedanken „gelesen“ werden.
    Das kann Kinder wie Eltern völlig überfordern. Hier liegt die große Herausforderung, behutsam zu unterscheiden, welches die eigenen Gefühle des Kindes sind und welche „übernommen“ werden. Wenn Ihnen diese Unterscheidung gelingt, machen Sie Ihr Kind behutsam auf seine Gabe aufmerksam und unterstützen Sie es dabei, Bewusstsein dafür zu entwickeln.
  • Die sinnlichen Wahrnehmungen hochsensibler Kinder sind stark ausgeprägt. Vor allem ihr Geschmacks- und Geruchserleben können sehr auffällig sein. Sie werden oft als heikel angesehen, da sie schon sehr früh für sich auswählen können, was ihr Körper verträgt und was ihn überreizt.
    Versuchen Sie darauf zu vertrauen, dass ihr hochsensibles Kind weiß, was ihm gut tut. Die somatische Intelligenz (=Körperintelligenz) Ihres Kindes ist genauso gut ausgeprägt wie die restliche Wahrnehmung.
  • Oftmals neigen hochsensible Kinder schon frühzeitig zu Ticks und Zwängen, meist ungewöhnliche und unmerkliche Körperbewegungen (Schnippen der Finger…) oder Aktionen (Reiben an der Hosentasche…). Der Körper zeigt schon früh An- und Verspannungen als Reaktion auf Stress. Die Schmerzempfindlichkeit und die Tendenz zu Hauterkrankungen und Allergien ist erhöht. Viele hochsensible Kinder wirken dünnhäutig und der Körper reagiert mit Aggression, wenn seine Grenze überschritten wird.
    Für mich hat sich hier gezeigt, wie wertvoll es ist, hier mit vollem Verständnis zu agieren. Wenn Sie einen möglichen Tick Ihres Kindes mit ihm ansprechen und ihm ein Gefühl von „das ist ok“ vermitteln, kann es besser damit umgehen und der Tick wird sich im besten Fall bei mehr und mehr Entspannung lösen.
    Zum Thema Hauterkrankungen und Allergien lesen Sie auch meinen Gastartikel bei Ernährungsberatung Mag. Katharina Ziegelbauer.

Viel Freude und Geduld beim Entdecken der Seelenlandschaft Ihres hochsensiblen Kindes!

 

Welche Schule ist die richtige für mein hochsensibles Kind?

Die „richtige“ Schule – wohl eines der wesentlichsten Themen für alle Eltern von hochsensiblen Kindern. Und ein Thema, das mit großen Emotionen verbunden ist, sowohl für die Kinder als auch für die Eltern. In der 9-jährigen Pflichtschulzeit fließen oft Unmengen an Tränen auf beiden Seiten, toben Anpassungskämpfe und große Wut über das „nicht verstanden werden“. Die Situation erscheint oft aussichtslos, da man mit hochsensiblen Bedürfnissen sehr schnell an die Grenzen eines Systems stößt, das

  • genormt
  • unflexibel im Denken
  • und an einer Gesellschaft orientiert ist, die noch nicht ausreichend bereit ist nach Innen zu schauen und anzuerkennen, wie bereichernd und zukunftsweisend es sein kann, ein oder mehrere Kinder in der Klasse zu haben, die sich an ein vorhandenes System nicht anpassen können und wollen.

Alles Aspekte, die für hochsensible Kinder absolut hinderlich sind, sich aufgehoben und begleitet zu fühlen. Was also tun, um das eigene hochsensible Kind ohne großen Leidensdruck durch eine Schulzeit zu führen, die im besten Fall dazu beiträgt den eigenen Lebensweg selbst-bewusst und mit selbst-Vertrauen zu gehen?

  • Achten Sie darauf, Ihr Kind nicht zu früh einzuschulen. In vielen Fällen mag der Intellekt des Kindes schon sehr früh so weit ausgebildet sein, dass eine vorzeitige Aufnahme im Sinne der Anforderungen absolut machbar wäre. Auf der emotionalen Seite zeigt sich jedoch oft, dass hochsensible Kinder, die früh eingeschult werden, sehr instabil auf den schnell vorherrschenden Anpassungsdruck reagieren.
  • Informieren Sie sich genau, schauen Sie genau hin und vor allem spüren Sie genau hin, welche Schule für die Bedürfnisse Ihres hochsensiblen Kindes die richtige ist. Viele Eltern sehen im alternativen Schulsystem den ersehnten Ausgleich für ein zu vorhersehbares und eng strukturiertes klassisches Schulsystem. Alternative Schulen haben den Vorteil, dass sie sicher mehr auf die Individualität jedes Kindes eingehen als klassische Systeme. Der Nachteil, den man hier sehr oft findet, ist jener, dass sich das hochsensible Kind in chaotischen Strukturen wiederfindet, wo oftmals der Rahmen fehlt, sich festzuhalten und zu orientieren. Das eine Extrem eines zu engmaschigen Systems und das  andere Extrem eines zu weitläufigen und unorganisierten Miteinanders sind beide nicht förderlich für die Bedürfnisse hochsensibler Kinder. Gute Alternativschulen haben einen klar abgesteckten Rahmen, in dem sich jedes Kind in seinem eigenen Tempo und mit seinem eigenen unverwechselbaren Potential einbringen kann. Die Kinder werden liebevoll und rücksichtsvoll begleitet. Systeme leben durch die Personen, die sich darin bewegen. Demnach kann man liebevolle Begleitung auch in klassischen Schulsystemen finden, die Möglichkeit der Rücksichtnahme auf das eigene Tempo und die individuellen Bedürfnisse ist allerdings eingeschränkt. Die zu erreichenden Lerninhalte sind (leider) noch die gleichen. Auch gibt es nicht für jedes klassische System eine Alternative (das österreichische „Gymnasium“ beispielsweise kennt kein alternatives System). Die Möglichkeit, das eigene Kind zu Hause oder in privaten Schulverbänden zu unterrichten ist eine, die in den letzten Jahren immer mehr Beachtung findet.
  • Vermeiden Sie Überidentifizierung. Gerade wenn Sie als Elternteil selbst hochsensibel sind und ihre Schulzeit in schlechter Erinnerung haben, neigen Eltern hochsensibler Kinder zu Überidentifizierung. Die eigene Wahrnehmung, der eigene Widerstand und die eigene Hilflosigkeit einem System gegenüber werden auf das Kind übertragen.
  • Verständnis vor Mitleid. Reden Sie viel mit Ihrem Kind darüber, wie es sich fühlt. Sollten Probleme auftreten, versuchen Sie Ihr Kind mit einfühlsamen Verständnis zu stützen. Achten Sie jedoch darauf, es nicht zu sehr „runterzuziehen“, weil sie mitleiden. Machen Sie sich immer bewusst, dass Ihr Kind Situationen mit Sicherheit des Öfteren anderes wahrnimmt als Sie (Überidentifizierung!) und dass Sie mit weniger Mitleid schneller zu einer entspannten Situation beitragen können.
  • Helfen Sie Ihrem Kind, sich im Schulalltag gut zurechtzufinden. Wenn Sie sich rechts → in meinen Newsletter eintragen, erhalten Sie 10 Tipps, die Ihnen und Ihrem hochsensiblen Kind helfen können, zu mehr Ruhe im Schulalltag zu kommen.

„Man wird nur dadurch dem Menschen gerecht, dass man in jedem einzelnen einen neuen Menschen sieht.“

Rudolf Steiner